Maifeiertage

Kap Hoorn

Kap Hoorn

Jeder kennt Kap Hoorn, die wahrscheinlich berüchtigste Passage der christlichen Seefahrt. Warum ist diese Reise eigentlich so gefährlich, dass alle Welt davon redet?

1616 wurde das Kap am südlichen Ende Feuerlands erstmals umrundet. Aber nicht der verwegene englische Seeheld Sir Francis Drake war der Recke der diese Tat vollbrachte . obwohl das Seegebiet vor dem Kap Hoorn, zwischen Südamerika und Antarktischer Halbinsel seinen Namen trägt - nein, ein Holländer war's.

Willem Corneliszoon Schouten aus der kleinen Hafenstadt Hoorn am westlichen Ufer der holländischen Zuidersee vollbrachte dies Werk.

Der Warmduscher Drake schipperte lieber durch die ruhigere Magellanstraße zwischen Chile und Feuerland. Trotzdem wurde das Seegebiet zwischen Antarktis und Feuerland nach ihm benannt.

Obwohl, vielleicht hatte er auch recht. Kap Hoorn ist immerhin der größte Schiffsfriedhof der Welt: Insgesamt liegen in der eiskalten See rund 800 Wracks und 10 000 Tote.

Warum ist die Ecke aber so brutal gefährlich?

Das Kap liegt im stürmischten Seegebiet der Erde. Der Hauptgrund für diese Stürme sind die sich westlich des Kaps entwickelnden Orkane und Stürme. Es sind schon die stärksten der Erde. Sie ziehen Ostwärts in Richtung Drake Passage also über Kap Hoorn hinweg.

Prallen die Sturmausläufer an die Andenkette der südchilenischen Küste, pressen sie sich erst südwärts und dann südostwärtas durch die Drake-Passage. Dabei erfolgt oft noch eine Windzunahme und eine Intensivierung des Niederschlags.

Die Wasserströmung im Nordteil der Passage, und damit auch die bodennahen Luftmassen, ist relativ warm. Das fördert die Tiefdruckbildung wenn antarktische Kaltluft einbricht. Dabei kommt es oft zu Nebelbildung und einem Absinken der Temperatur unter 0 Grad Celsius.

Bedingt durch die Erdrotation und die von West nach Ost gerichtete Luftströmung bildet sich in der Drake-Passage die sogenannte "Kap-Hoorn-Strömung". Die in dieser Strömung eingelagerten Wasserverwirbelungen, die oft durch unterseeische Klippen verursacht werden sind eine weiter egroße Gefahr in der Region.

In der Region um die äußerste Südspitze Südamerikas findet man nach Expertenmeinung die höchsten Dünungswellen der Welt. Aber trotzdem ist das kein prima Surfrevier, da die Unterwasserklippen dem Brandungsfetischisten schnell mal den Garaus machen.

Die extreme Gewalt der dort herrschenden Kräfte kann man sich verdeutlichen, wenn man sich die nach osten gebogenen Spitzen Südamerikas und der Antarktis anschaut.

Am Westausgang der Drake-Passage, also am Kap Hoorn, herrscht im Herbst und Frühjahr jeden Dritten Tag "Starkwind" (über 6 Beaufort) und jeden 5. Tag Sturm (ab 12. Beaufort).

Die Seefahrer, die noch auf Segelschiffen die Passage durchfuhren haben sich zu dem wohl exklusivsten Verein der Welt zusammen geschlossen, den "Kap Hoorniers"

Die Kap Hoorniers

Zur Aufnahme in diesen Verein verhalf kein Vitamin B, hier waren noch echte Kerle gefragt.

Ursprünglich musste man als Kapitän auf einem Handelsegler in Ost-West-Richtung ums Kap gesegelt sein um aufgenommen zu werden. Diese verwegenen Gesellen hatten sich den Ehrennamen "Albatrosse" redlich verdient.

Später (ab 1950) wurden auch Seeleuten aufgenommen, wenn sie ihr Kapitänspatent erst nach der Passage erhalten hatten.

Dann wurde der Verein auch für diejenigen geöffnet, die nur die "weichere"West-Ost-Passage geschafft hatten.

Der Club wurde ins Leben gerufen, als die Ära der Handelssegler schon zu Ende war. Nach der Eröffnung des Panamakanals 1914 läutete die Todesglocke für die ruhmreichen Segler. Die um 6000 Seemeilen kürzere Route machte die Kap-Hoorn-Umseglung unwirtschaftlich. Die Chancen sein Schiff wiederzusehen waren auch eklatant höher.

Mit der Erfindung des synthetischen Salpeters durch Fritz Haber im Jahr der Kanaleröffnung war auch der Markt für eines der wichtigsten Handelsgüter Chiles zusammengebrochen. Salpeter und andere unverderbliche Waren waren die einzigen Güter, für die der Weg ums Kap noch rentabel gewesen wäre.

!935 stellten die Franzosen ihre Handels-Segelschifffahrt ein.

1937 gründeten ehemalige Kapitäne in St. Malo die die Bruderschaft der Kap Hoorniers, die "Amicale Internationale des Capitaines au Long-Cours, Cap Horniers" - kurz AICH.

Nach dem 2. Weltkrieg durften auch Seefahrer anderer Nationen Mitglied werden. 1955 nahmen die ersten Deutschen am Treffen in St. Malo teil.

Bis heute treffen sich die Kap Hoorniers alljährlich in einer Hafenstadt. Man bleibt unter sich, Besuch ist unerwünscht. Aber die Mitgliedszahlen sinken.

"Die Flagge halbstocks"

2002 leben nur noch ca. 90 deutsche Kap Hoorniers und jeden Monat steht in der Vereinszeitschrift mindestens eine Todesanzeige. Das Durchschnittsalter der Mitglieder liegt 2002 bei 88 jahren, das jüngste deutsche Mitglied zählt immerhin 78 Lenze.

Daher hat man sich entschlossen, den Verein 2003 aufzulösen. Zu diesem Zweck werden sich die letzten Mitglieder (2002 international noch ca. 200 Männer) ein letztes Mal in St. Malo treffen.

Dabei könnte der AICH noch lange weiter leben. Manch nationale Sektion akzeptiert noch neue Mitglieder. Die Engländer nehmen Sportsegler auf, die chilenische Sektion, fest in der Hand der Militärs, akzeptiert sogar Umrundungen mit U-Booten.

Solche Alleingänge sind für den exklusiven Haufen aber ohne Bedeutung. Zitat:
"Man soll das nicht gequält am Leben halten. Der tiefere Sinn des Zusammenhalts der Kap Hoorniers ist die gemeinsame Erfahrung, die einmalig ist. Das sollte man nicht verwässern. Ich finde es vernünftig, die Amicale ausklingen zu lassen."

In diesem Sinne...immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel.



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