Auf der Walz

 

Die rechtschaffen fremden Handwerksgesellen.

Jeder hat schon mal die meist in schwarz gekleideten jungen Männer gesehen, die normalerweise auf Baustellen arbeiten oder auf den Landstraßen herumziehen. Klar, Wandergesellen. Aber was heißt das eigentlich genau?

Die rechtschaffenen fremden Gesellen sind eine Vereinigung von gleichgesinnten Bauhandwerkern, die in die Welt hinausziehen, um sich mit den Bräuchen, Lebensgewohnheiten und Arbeitspraktiken anderer Völker und Menschen vertraut zu machen.

Die rechtschaffenen fremden Gesellen sind die mit Abstand älteste noch existierende deutsche Zunft. Sie pflegen die ältesten überlieferten Riten und zwar getrennt für das Maurer- und Steinhauerhandwerk sowie für die Zimmer- und Schieferdeckergesellen, so wie sie vor Jahrhunderten entstanden und im Laufe der Jahre gewachsen sind.

Bereits im Mittelalter zogen Handwerksgesellen jahrelang von Ort zu Ort, um zu arbeiten und neue Techniken zu erlernen. Damals war die Wanderjahre sogar Bedingung, um den Meister zu machen.

Heute ist die Walz freiwillig. Losgehen darf aber nur, wer:

  • die Gesellenprüfung bestanden hat,
  • jünger als 30 Jahre ist, unverheiratet
  • und unverschuldet ist.

Die Handwerksgesellen, die auf die Walz gehen, dürfen drei Jahre und einen Tag nicht näher als 50 km an ihren Heimatort herankommen. Ausnahmen sind nur scherwiegende Vorkommnisse wie schwere Krankheit oder Tod von Angehörigen.

Ursprünglich sollten die Handwerker in dieser Zeit neue Methoden bei fremden Meistern erlernen und so ihren Horizont erweitern.

Die Kleidung:

Typisch vor allem für Zimmerleute ist der breitkrempige Hut. Der wird getragen, um zu verhindern, dass beim Arbeiten über Kopf Sägespäne in den Kragen fallen.

Die Schlaghosen dienen einem ähnlichen Zweck, sie sollen die Schuhe von Sägemahl freihalten. Richtig zünftig ist die Hose nur, wenn sie einen Schlag von 65 cm vorweisen kann.

Die Kleidung ist aus Cord, weil von diesem Material Sägemehl besonders leicht zu entfernen ist.

Das kragenlose Hemd nennt sich "Staude".

Die darüber getragene Weste hat 8 Knöpfe. Sie symbolisieren "Acht Sunden Arbeit täglich".

Die Jacke des Gesellen hat 6 Knöpfe als Symbol für "Sechs Tage Arbeit pro Woche".

Der farbige "Schlips" heißt im Gesellenjargon "Ehrbarkeit". Die Farbe ist die jeweilige Zunftfarbe. Die "Ehrbarkeit wird nur lose in den Kragen gesteckt, damit, falls beim Arbeiten mit einer Kreissäge o.Ä. mal das Teil ins Gerät gerät, der Zimmermann nicht Bekanntschaft mit der Säge macht.

Der "Charlottenburger" oder "Berliner" ist keine Frikadelle im Brötchen oder ein Krapfen sondern ein ca. 80 x 80 cm großes Tuch, in das die Besitztümer des Gesellen verpackt sind. Es gibt auch noch ein Taschentuch das so heißt.

Das Tuch ist gewöhnlich mit Werbng oder den Zunftzeichen des Gesellen bedruckt. Aus diesem Tuch und seinem Inhalt formt der Geselle eine ca 30 cm dicke und 70 cm lange "Wurst".

Seine Habseligkeiten trägt der Wandergeselle immer bei sich, eingewickelt in diesen Pack. Dazu gehören Klamotten und das persönliche Werkzeug des Gesellen.

Das Werkzeug, z.B. Hammer und Säge ist Privateigentum des Gesellen und durfte früher von keinem anderen benutzt werden. Wagte es gar ein Zunftfremder, sich an Werkzeug zu vergreifen, so war das Werkzeug "unzünftig" geworden und musste in einer bestimmten Zeremonie wieder "zünftig "gemacht werden.

Das Ganze hat aber auch einen praktischen Hintergrund. Arbeitet ein Handwerker mit ungewohntem Werkzeug, so unterlaufen ihm leichter Fehler. Mit einem fremden Hammer gehen z.B. mehr Schläge daneben, als mit dem eigenen.

Der spiralige Wanderstab des Gesellen wird von ihm selbst hergestellt und heißt im Zunftjargon "Stenz". Es handelt sich dabei um einen Stock, um den spiralförmig Schlingpflanzen z.B. Hopfen eingewachsen waren.

Der Geselle trägt normalerweise einen Ohrring. Früher war der aus Gold um von dem Erlös im Falle eines Falles ein ordentliches Begräbnis bezahlen zu können. Der Ohrring trägt neben dem Handwerkswappen noch einen sechszackigen Stern, da angeblich der erste Maurer ein Verehrer des jüdischen Königs Salomo gewesen sei.

Verhielt sich ein Geselle unzÙnftig (Diebstahl etc.) so wurde ihm der Ohrring aus dem Ohrl¹ppchen gerissen. ZukÙnftig erkannte man ihn gleich als "Schlitzohr".

Das zünftige Vorsprechen der Wandergesellen beim Meister, Bäckern, Gasthäusern etc. um Arbeit oder Wegzehrung nennt man nicht etwa "Schnorren" sondern "Schmalmachen.

Das Absingen zünftiger Lieder heißt "Schallern". Zünftige Liederbücher  wurden vom "Schallerschacht" der rechtschaffenen fremden Gesellen in Hamburg erstellt.

 

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